Stolpersteine unter großer Anteilnahme verlegt

Stolpersteine unter großer Anteilnahme verlegt

Stolpersteine unter großer Anteilnahme verlegt

Heute wurde vor dem Wohnhaus an der Katternberger Str. 24 im Gehweg zwei Stolpersteine für Emil und Adele Kronenberg verlegt. Anbei die Worte des Erinnern an Emil Kronenberg durch den Fraktionsvorsitzenden der FDP, Ulrich G. Müller:

 

Liebe Anwesende,

wir stehen heute vor dem ehemaligen Praxis- und Wohnhaus von Emil Kronenberg, der als Jude während der Nazi-Zeit verfolgt und im Oktober 1944 nach Theresienstadt deportiert wurde und dort überlebte.

Wir möchten mit dem Stolperstein für ihn und seine Frau Adele auf sein Schicksal aufmerksam machen und dabei auch an einen liberalen Menschen erinnern, der sich für die Bildung in Solingen eingesetzt hat.

Emil Kronenberg wurde am 02. Oktober 1864 als eines von vier Kindern in Leichlingen geboren. Seit Vater hatte sich dort als Arzt niedergelassen. Um ihren Kindern eine höhere Schulbildung zu ermöglichen zog die Familie 1878 nach Münster. Emil besuchte das Paulinium Gymnasium und machte 1885 dort seinen Abschluss. Zwei Mitschüler in Münster waren übrigens der spätere Maler Otto Modersohn und der spätere Heimatdichter Hermann Löns.

Von 1885 bis 1887 studierte er Medizin in Freiburg und Bonn. Nach einer militärischen Ausbildung und Tätigkeit als Assistenzarzt der Reserve ließ er sich in Solingen-Höhscheid als Landarzt nieder. Nach einem weiteren Facharztstudium gründete er als Hals-, Nasen- und Ohrenarzt 1894 eine Praxis Am Neumarkt. Sein Ruf ging weit über Solingen hinaus. 1899 eröffnete er mit drei seiner Kollegen eine Privatklinik, die Bethesda an der Friedrichstraße. Er war Mitglied des ärztlichen Vereins in Solingen, Vorsitzender der Facharztkommission und des Ehrenrates und Mitbegründer des westdeutschen Vereins der Hals- und Ohrenärzte, dessen Vorsitzender er zeitweise war.

Emil Kronenberg war auch politisch aktiv. Er orientierte sich an der Nationalsozialen Vereinigung des Friedrich Naumann, die später mit der linksliberalen Freisinnigen Vereinigung fusionierte. Als 1906 eine entsprechende Ortsgruppe in Solingen gegründet wurde, übernahm Emil Kronenberg den Vorsitz. 1910 wurde daraus dann die Fortschrittliche Volkspartei und Kronenberg blieb ihr Vorsitzender bis 1914.

Aus dem ersten Weltkrieg zurückgekehrt stellte er fest, dass man ihn in Abwesenheit zum Vorsitzenden der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gewählt hatte und er mischte sich heftig in die Diskussion um den Versailler Friedensvertrag ein, den er nicht befürwortete. In den 20-Jahren zog er sich aus der Parteipolitik zurück.

Was blieb, war sein Engagement im Kultur- und Bildungsbereich. Als Mitglied des Solinger Lesevereins war er der Mitbegründer der Solinger Stadtbücherei. Doch damit gab er sich nicht zufrieden. Er war fasziniert vom dänischen Modell der Volkshochschulen, in denen jeder etwas lernen konnte und es gelang ihm, eine solche auch in Solingen zu etablieren. Noch heute nutzen die Solingerinnen und Solinger diese Einrichtungen gerne. Sie sind ein Beispiel für ein nachhaltiges bürgerschaftliches Engagement. Neben allen diesen Aktivitäten war Kronenberg ein produktiver Schriftsteller und Dichter.

Während der Nazi-Diktatur wurde seine Wohnung demoliert, er verlor seine Stelle an der Bethesda, sein Vermögen wurde unter Zwangsverwaltung gestellt, er musste seinen Beruf aufgeben und den Judenstern tragen. Am 17. September 1944 wurde er nach Theresienstadt gebracht. Dies war eine schlimme Erfahrung für ihn. Aufgrund seiner ärztlichen Fähigkeiten wurde er dort im Alten- und Siechenbereich eingesetzt, dies mag auch einer der Gründe dafür sein, diese Zeit überstanden zu haben.

Nach seiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Theresienstadt musste er sich unter bedrückenden Verhältnissen erst wieder in Solingen einfinden, aber schon im Herbst 1945 trat er der neugegründeten FDP bei und gehörte bis 1949 dem Vorstand des Kreisverbandes an. Für die Freien Demokraten saß er im Kulturausschuss der Stadt Solingen. Am 21. Oktober 1951 wurde ihm eine hohe Ehre zuteil - der amtierende Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss besuchte ihn in Solingen.

Trotz seines Schicksals in der Nazi-Diktatur lagen ihm Rachegedanken fern. So äußerte er sich im Rahmen der Entnazifizierung in einem Verfahren gegen einen ehemaligen Beamten wie folgt: „Ich halte es für verhängnisvoll, wenn Hass und Rachsucht eine maßgebliche Rolle spielen, weil man damit niemals zu einer Verständigung kommt, zu einer sogenannten Wiedergutmachung führen sie nicht.“

Am 31.März 1954 starb Emil Kronenberg. Er wurde auf dem Friedhof Kasinostraße beigesetzt.

Man könnte noch so manche Details seines Lebens anführen aber ich denke diese kurze Zusammenfassung seines Lebens und Wirkens macht deutlich, dass er es wert ist, an ihn zu erinnern.

Und wie sagt der Künstler Gunter Demnig - bei den Stolpersteinen geht es eben um diese Erinnerung. Die Menschen, deren Familien unter der Naziherrschaft oft auseinander gerissen und zu Nummern degradiert wurden, werden so an ihrem letzten frei gewählten Wohnsitz wieder zusammengeführt und bekommen ihre Namen zurück.

Für die Freien Demokraten zählt insbesondere auch, dass Emil Kronenberg sich für die Freiheit und Würde jedes Einzelnen eingesetzt hat. Das beispielhafte Verhalten Emil Kronenbergs sollte auch heute noch Ansporn für jeden von uns sein, gerade in der heutigen Zeit mit ihren politischen Irrungen und Wirrungen den Kern einer liberalen und sozialen Demokratie wieder deutlich zu machen.

Lassen Sie uns in diesem Sinne nun die Stolpersteine für Emil und Adele Kronenberg hier verlegen.

 

 

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